Archiv der Kategorie: Globalisierung

Industrie 4.0 – Hype oder reale Zukunftschance?

Industrie 4.0 – das Thema ist derzeit in aller Munde, bis zum sinnentleerten Hype.

Welche Bedeutung dem Themenkomplex in der Öffentlichkeit zugemessen wird, sieht man an dem Aufschrei, der den Verkauf des Augsburger Roboterherstellers Kuka an eine chinesische Firmengruppe begleitete. Politik und Wirtschaftsverbände befürchteten den Abfluss des für 4.0 wichtigen Automatisierungs-Knowhows der Firma. Technisches Know-how und sensible Daten könnten nach China abfließen, so die Befürchtung.

Fakt ist, dass Industrie 4.0 oft aus Unwissenheit mehr zur Verwirrung beiträgt. Es ist immer noch ein Begriff, der bei 100 Befragten 100 unterschiedliche Wahrnehmungen erzeugt und gleichzeitig viele hilflos zurücklässt. Sogar der SPIEGEL ging vor kurzem in einer Titelstory darauf ein, konzentrierte sich aber wesentlich auf das Verhältnis Mensch-Maschine und die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt.

Dabei wird das Schlagwort gerne verwechselt mit Begriffen wie Internet der Dinge, Automatisierung, Roboterisierung, Digitalisierung. Industrie 4.0 geht aber einen wesentlichen Schritt weiter: hin zur Vernetzung und Systemintegration.

Industrie 4.0 ist ein Sammelbegriff, der, einmal schmäler, einmal breiter, die Digitalisierung von Wertschöpfungsketten umfasst. Schon jetzt erleben wir fundamentale Änderungen in der Art wie wir arbeiten, leben und konsumieren. Industrie 4.0 ist eine neue Ära, die einen Transfer der Wertschöpfung von der Hardware zur Software, vom Produkt zur Dienstleistung und vom Einzelprodukt zu Netzwerken bis hin zum Verbraucher einläutet.

Sie kann auf zwei möglichen Wegen erreicht werden, die auch unabdingbar zusammengehören:

1) als Evolution – Stichwort „Smart Factory“, die es erlaubt, bestehende Geschäftsmodelle und -prozesse signifikant zu verbessern,

2) als Revolution, die eine Entwicklung neuer Geschäftsmodelle ermöglicht.

Industrie 4.0 bringt enorme Potenziale für die (produzierende) Industrie mit sich. Seit 2011 investiert die deutsche Regierung intensiv in die Digitalisierung, ein herausragendes Beispiel dafür sind die elf Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren und die neu ins Leben gerufene Plattform Industrie 4.0. Hier ist der offizielle Standpunkt des BMWi zu finden: http://www.bmwi.de/DE/Themen/Industrie/industrie-4-0.html

Das Ergebnis: In Deutschland erlebt die Industrie eine Renaissance. Sie wird wieder als ein zentraler Akteur für hochqualitative Jobs und Wertschöpfung wahrgenommen. Der Nutzen, den man sich von Industrie 4.0 erwartet, ist ein dreifacher:

1) Effizienzgewinn
2) Produktindividualisierung
3) Entstehung neuer Geschäftsmodelle.

Dafür ist die intelligente Echzeit-Vernetzung von Menschen (Kunden, Mitarbeitern), Anlagen (Maschinen, Produkten) und Werkzeugen (Netzwerken, Algorithmen) notwendig. Das Resultat sind gravierende Veränderungen für alle Unternehmensbereiche.

Neue Geschäftsmodelle: Denken 4.0

Der Kunde – ob im Business-to-Business- oder Business-to-Consumer-Bereich – ist oft gar nicht am eigentlichen Produkt interessiert. So steht am Anfang der Geschäftsmodellierung der Gedanke daran, was der Hersteller denn dem Kunden eigentlich anbietet. Ist der wirklich interessiert an der Anlage, in die er investieren und die er dann langfristig betreiben muss? Oder benötigt er eigentlich nur das Ergebnis?

Beispiele:
Der Maschinenbauer Kaeser baut und vertreibt seit fast 100 Jahren Kompressoren. Jetzt verkauft er seinen Kunden Druckluft! Er rechnet den Kunden den von Sensoren gemessenen Verbrauch direkt ab. Rolls-Royce hat mit „Power by the hour“ ein ähnliches Konzept und verkauft Schubkraft statt Turbinen. In beiden Fällen verbleiben die Anlagen im Eigentum des Anbieters; der Nutzer zahlt nur für deren Einsatz.

Ein führender Pumpenhersteller aus NRW hat festgestellt, dass es seinen Endkunden egal ist, welche Thermostate, Boiler oder Pumpen dafür notwendig sind, dass in ihrem Badezimmer kuschelige 21 Graf herrschen, wenn sie von der Arbeit kommen. Sie wollen das Gesamtsystem einfach mit einer App steuern.

Marketing 4.0: Die Vernetzung mit dem Kunden

Individualisierte Produkte und Leistungen bis hin zur Losgröße Eins entstehen durch Einbindung des Konsumenten in die Wertschöpfungskette. Hersteller stellen ihm Apps zur Verfügung, die Personalisierung übernimmt der Nutzer selbst. Damit wird endlich der Traum wahr, die Bedürfnisse des Kunden 1:1 zu berücksichtigen. Das Interessante dabei ist, dass die zugrundeliegenden Systeme helfen, diese Bedürfnisse in die Sprache der Produzenten zu übersetzen. Wer diese Zusammenhänge und Möglichkeiten am schnellsten erkennt, mit intelligenten Geschäftsmodellen und unter Einsatz der richtigen Werkzeuge am Kundenbedarf orientiert erfüllt, wird mit Industrie 4.0 international erfolgreich sein.

Beispiel Adidas: „Speed Factory“
ADIDAS holt seine (Massen-) Fertigung aus Asien wieder sukzessive zurück, direkt dorthin wo seine Kunden sitzen (laufen). In Ansbach steht bereits eine Pilotfabrik, auf der seit einiger Zeit (momentan nur) ca. 500 Paar Laufschuhe 100% nach Kundenwunsch gefertigt werden. Der Kunde spezifiziert über ein Portal online seine ganz persönlichen Laufschuhe, und zwei Tage später werden diese von einem Paketversand frei Haus geliefert. Die Herstellung erfolgt nahezu voll automatisiert und komplett vernetzt nach neuesten Fertigungsmethoden, Materialfluß-, Qualitätssicherungs- und Handhabungsmethoden. Additive Fertigungsprozesse spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Technik 4.0: Standards sind der Schlüssel!

Industrie 4.0 – also die Vernetzung von Produkten, Fabriken und Lagerhallen, Herstellern, Lieferanten und Kunden – verheißt mehr Produktivität und neue Geschäftsmodelle. Um die Wertschöpfungskette einer Branche aber wirkungsvoll vernetzen und integrieren zu können, ist eine gemeinsame Sprache über die Prozesschritte hinweg nötig. Hier kommt die Vereinbarung von Standards ins Spiel, bei der sich Partner und auch Wettbewerber an einen Tisch setzen müssen.

Seit zwei Jahren schon diskutieren Unternehmen wie Siemens, Bosch, Infineon und SAP gemeinsam mit den drei Verbänden Bitkom, ZVEI und VMDA darüber, wie sich die Industrie 4.0 verwirklichen lassen könnte. Es geht vor allem darum, gemeinsame Standards zu finden, die garantieren, dass Maschinen künftig über die Einzelschritte der Wertschöpfungsketten hinweg miteinander kommunizieren können. Das ist eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen der vierten industriellen Revolution.

Die Hoffnung ist groß, dass die Politik vor allem die Suche nach Industrie-4.0-Standards vorantreibt. „Die Industrie-Plattform hatte einen Geburtsfehler“, heißt es aus der Wirtschaft. „Der war, dass die Teilnehmer immer unter kartellrechtlichem Risiko standen.“ Aus Furcht vor den Wettbewerbshütern habe man keine Absprachen getroffen. In einem staatlich organisierten Prozess minimiere sich diese Gefahr nunmehr. Dennoch haben einzelne Branchen für sich bereits Fortschritte gemacht, um die Standardisierung selbst voranzutreiben.

Beispiel Druckbranche:
In der Druckindustrie wurden in den letzten Jahrzehnten Einzeloptimierungen der aufeinander folgenden Schritte in der Wertschöpfungskette erreicht: in der Vorstufe (wo die gestalterischen Daten in Druckdaten umgewandelt werden), in der Druckmaschine (mit wesentlichen Automatisierungen für problemlose und qualitativ stabile Prozesse) und in der Weiterverarbeitung, wo aus Gedrucktem ein fertiges Produkt wird (durch Falzen, Stanzen und zahlreiche weitere Verarbeitungs-schritte). Allein was fehlte, war die Integration dieser Prozessschritte und die Vereinbarung von Standards (für Fachleute: JDF/JMF etc.) zwischen den Herstellern. Die Individualisierung war durch Vorstufe und Digitaldruckmaschinen schon möglich, aber die Weiterverarbeitungsgeräte konnten mit kleinsten Auflagen bis zur Losgröße Eins nicht mithalten. Wie man auf der drupa 2016 in Düsseldorf sehen konnte, gibt es jetzt Systeme, die – mit den Schlagworten Print 4.0 und Finishing 4.0 versehen –  dies leisten können, indem sie sich selber einstellen und durch Rückmeldung von Produktionsdaten auch Auftragsabrechnungen übernehmen – Fehler durch manuelle Auftragserfassung werden gleich mit eliminiert. Marktführer Heidelberger Druck redet gar von „autonomem Drucken“ und will den Startknopf („Push to Start“) gleich komplett durch den Stop-Knopf („Push to Stop“) nur für den Notfall ersetzen.

Beispiel Lagerhaltung:
Bosch und SAP haben in einer Kooperation eine Technologie und ein Referenzmodell für den Datenaustausch entwickelt, um das vernetzte Lager mit vernetzten Gabelstaplern zu realisieren. Ziele dabei: Weniger Unfälle, mehr Effizienz. In einem eigenen Werk hat Bosch damit eine Produktivitätssteigerung von 25% erreicht. Auch hierbei spielt die Entwicklung gemeinsamer Standards eine zentrale Rolle.

IT 4.0: Big Data wird zu Smart Data

Die Möglichkeiten, durch Sensoren und Netzwerke riesige Datenmengen zu erheben, führen zu völlig neuen Nutzungsmöglichkeiten und Geschäftsmodellen.

Beispiel Landwirtschaft:
Der Landwirt (Kunde) möchte den Ertrag auf seinen Feldern maximieren, bei gleichzeitiger Minimierung von eingesetzten Ressourcen (Material, Personal und Zeit). Daher genügt es nicht, wenn die Hersteller (John Deere, Claas, Fendt, etc) nur Landmaschinen verkaufen. Vielmehr müssen sie mit intelligenten Algorithmen aus „Big Data“ (Wetter, Bodenbeschaffenheit, Umweltbedingungen, etc.) durch Vernetzung von unterschiedlichen Bezugsquellen die relevanten Daten/Informationen zusammentragen, und diese als „Smart Data“ dem Landwirt direkt auf seinem Schlepper auf dem Feld online zur Verfügung stellen. Im Idealfall den Schlepper sogar noch über GPS automatisch fahren und die Sämaschinen automatisch steuern und regeln.

Beispiel Medienindustrie:
Sattsam bekannt ist, wie Facebook und andere soziale Medien die Werbung an das bisherige Verhalten der Nutzer anpasst. Klassische Nachrichtenverlage übernehmen diese Prinzipien nicht nur, um dem Leser jeweils aktuell die ihn am stärksten interessierenden Nachrichten zu liefern, sondern passen ihre redaktionelle Arbeit immer mehr dem Publikumsgeschmack ihrer jeweiligen Zielgruppen an – erhoben aus den am häufigsten angeklickten Nachrichten.

Controlling 4.0: Echtzeit-Transparenz

Die Daten lassen sich im Unternehmen noch viel weiter nutzen. Sie müssen künftig echtzeitbasiert ausgewertet werden, um dem Management ein umfassendes Bild über die Lage des Unternehmens zu vermitteln: kontinuierlich aktuelle Prognosen, Entwicklung intelligenter Algorithmen, unternehmensübergreifende Vernetzung und Koordination. Sie ermöglichen eine ständige Überwachung der Sinnhaftigkeit neu implementierter Technologien und eine wesentlich verbesserte Transparenz über die Unternehmensprozesse.

Der Controller wird zum Data Scientist; aus „Big Data“ werden „Smart Data“ gemacht. Der Blickwinkel des Controllers muss erweitert werden auf Sachverhalte entlang der gesamten Wertschöpfungskette, daher werden künftig noch mehr ingenieurwissenschaftliche und informationstechnische Kompetenzen unabdingbar. Der Controller wird zum zentralen Sparringspartner des Managements.

Service 4.0: Der Service wird wichtiger als das Produkt

Im Maschinen- und Anlagenbau stand bisher die Hardware im Vordergrund. Die Anlage wurde geliefert, und damit war die Sache für den Hersteller meist erledigt. Jetzt beginnt hier überhaupt das Geschäft erst interessant zu werden: Die Anlagen werden mit Sensoren ausgestattet, die alle Prozesse kontinuierlich überwachen und auswerten. Auf der Basis dieser Daten können ganz neue Dienstleistungen und Geschäftsmodelle entwickelt werden; der Service wird wichtiger als das Produkt.

Summary:

Die Industrie 4.0 bietet ein großes Potenzial, wir stehen aber gerade noch am Anfang der Entwicklung.

Eine große Anzahl technischer Lösungen stehen zur Verfügung….zur eigentlichen Revolution wird Industrie 4.0 aber erst dann, wenn neben verbesserten Produkten und Services, sowie effizienten und flexiblen Produktionstechniken auch neue Geschäftsmodelle entstehen. Diese Entwicklung darf vom Mittelstand, insbesondere im deutschen Maschinen- und Anlagenbau, nicht verschlafen werden.

Industrie 4.0 ist Chefsache! Leider weisen aktuelle Studien darauf hin, dass das noch nicht überall der Fall ist. KPMG kommt zu dem Schluss: „Es braucht einen CEO mit strategischem Weitblick und Mut, neue Wege im Geschäfts- und Operating Modell zu gehen.“ Man müsse sich ständig fragen, welche Auswirkungen, welche Relevanz und welcher Nutzen sich für das eigene Unternehmen ergeben.

Führungskräfte sollen ihre Beschäftigten durch den digitalen Wandel in die „Arbeitswelt 4.0“ bringen. Theoretisch. Doch die Praxis sieht anders aus: Nur jeder zweite Arbeitnehmer in den D-A-CH-Ländern traut seinen Managern zu, Firma und Mitarbeiter erfolgreich in die Arbeitswelt der Zukunft zu leiten. Dies ergab eine internationale Studie der Unternehmensberatung ROC. Auch beim Thema Industrie 4.0 hakt es in den Chefetagen: 46 Prozent der Mitarbeiter halten ihre Vorgesetzten nicht für absolut kompetent in diesem Bereich.

Liebe Leser, wir werden Sie natürlich in den nächsten Monaten mit unserem Newsletter auf dem Laufenden halten, was sich in Sachen Industrie 4.0 vor allem für den mittelständischen Maschinen- und Anlagenbau Neues tut.

Wir freuen uns außerdem auf Ihre Kontaktaufnahme per Email oder Kontaktformular.

Karin Sieber-Huber & Eckhard Hörner-Marass
KSH und EHM 2HIM GmbH

Globalisierung kommt nur mässig voran…

Industrieländer haben sich in den vergangenen Jahren kaum noch vernetzt. Die Dynamik der Globalisierung bestimmen jetzt Schwellen- und Entwicklungsländer.

Die anhaltenden Krisen auf den Weltmärkten setzen den internationalen Handels- und Geldströmen zu. So zumindest liest sich das Fazit des neuen DHL-Globalisierungsindex von Pankaj Ghemawat und Steven Altman. Zwar wachsen einerseits sowohl die Informations- und Kapitalflüsse insgesamt. Die Handelsströme hingegen sinken.

Noch im August 2014 legten die Strategieberater von McKinsey eine anders gelagerte, äußerst optimistische Prognose vor. Bis 2025 könne sich der Wert von internationalen Güter-, Waren- und Dienstleistungsströmen mehr als verdreifachen – von aktuell 26 Billionen Dollar auf bis zu 85 Billionen. Hauptantreiber sollen vor allem mehr Wohlstand und globale Teilhabe der Entwicklungs- und Schwellenländer sein.

Der jetzt veröffentlichte Globalisierungsindex zeigt jedoch, dass zu viel Euphorie fehl am Platz ist. Auch Nobelpreisträger Paul Krugman schreibt: ‚Die globale Vernetzung scheint zu erlahmen.‘

Insgesamt 140 Länder, die für 99 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts sowie 95 Prozent der Weltbevölkerung stehen, berücksichtigt der Globalisierungsindex. Aus über einer Million Daten aus Handels-, Finanz-, Informations- und Menschenströmen errechneten die Forscher einen Lagebericht. Wir stellen Ihnen die fünf wichtigsten Erkenntnisse vor:

Niveau der Handelsströme noch hinter Vor-Krisen-Zeit

Die Globalisierung komme langsamer voran als gedacht. Auch wenn sich der Freihandel allmählich erholt – insgesamt liegt er noch hinter seinem Höchstwert aus dem Jahr 2007 zurück.

So sei die Globalisierung zwar in der Tiefe gewachsen – es gab zwischen den Ländern also insgesamt einen größeren Austausch von Waren, Dienstleistungen, Informationen und Menschen als noch im Jahr 2005. Gleichzeitig hat aber die Breite dieser Beziehungen abgenommen. Das bedeutet: Der absolute Wert steigt – die Zahl der Länder, mit denen gehandelt wird, sinkt.

Wie eingeschränkt die Globalisierung ist, zeige sich treffend am Beispiel Deutschland, dessen Exporte zu 70 Prozent nach Europa gehen. ‚Deutschland wird zwar zu Recht als eine der stärksten Exportnationen der Welt betrachtet. Aber die starke regionale Konzentration veranschaulicht die mangelnde Breite der globalen Vernetzung‘, sagt Pankaj Ghemawat, der Autor der Studie.

Deutschland habe mit den Entwicklungen in den aufstrebenden Märkten nicht Schritt gehalten. ‚Wäre der Anteil deutscher Unternehmer mit der Wirtschaft der Entwicklungsländer gewachsen, könnten ihre Exporte heute 17 Prozent höher liegen.‘ 

2013 exportierte Deutschland Waren im Wert von reichlich einer Billion Euro. Das vermeintlich verschenkte Potenzial liegt also bei 170 Milliarden Euro.

Kapitalflüsse erholen sich

Ähnlich dem Gesamtbild entwickeln sich die Kapitalströme. Diese erholen sich zwar langsam, liegen aber noch hinter dem Vor-Krisen-Niveau zurück. So erreichte der internationale Kapitalfluss 2011 einen Wert von reichlich vier Billionen US-Dollar. Das liegt deutlich hinter den fast 12 Billionen US-Dollar aus 2007.

Globalisierung immer weniger von Industrieländern geprägt
Die wachsende Globalisierung profitiere vor allem von den aktiveren Schwellen- und Entwicklungsländer. Insgesamt stellen die Geschäfte zwischen den aufstrebenden Ländern heute schon 17 Prozent aller internationalen Handelsbewegungen. 2005 lag dieser Wert gerade noch bei neun Prozent. ‚Der Schub in den aufstrebenden Ländern verlagert das wirtschaftliche Epizentrum des Planeten weiter nach Osten‘, schreiben die Autoren.

Gerade die südostasiatischen Länder zeichnen sich durch besonders intensive Handelsbeziehungen aus. Vor allem Malaysia, Vietnam, Kambodscha, Hong Kong und Singapur erzielen hohe Globalisierungswerte. Die dominanteste Nation ist aber nach wie vor China. Das Land ist an mehr als jedem zehnten globalen Handelsstrom beteiligt – ein Wert, den kein Land übertrifft.

Europa am stärksten vernetzt

Gleichwohl bleibt Europa noch die am stärksten vernetzte Region der Welt – mit neun der zehn besten Länder im Gesamt-Ranking. Das größte und dichteste Netzwerk haben die Niederlande gesponnen, vor Irland und Singapur. Deutschland folgt auf Rang neun. Europa ist besonders abhängig von seiner Regionalität. 78 Prozent aller Exporte bleiben auf dem Kontinent.

Die Studie warnt hingegen vor protektionistischen Tendenzen. Gerade in Zeiten schwächelnder Wirtschaft werde die Kraft der globalen Vernetzung gebraucht, damit sich das Wachstum schneller erhole.

Weniger Regionalisierung – mehr Distanz
Doch nicht alle Länder profitieren von regional starken Beziehungen wie Europa. Im Gesamtbild nimmt die Distanz zwischen den vernetzten Ländern zu. Lag die durchschnittliche Entfernung des Index‘ 2005 noch bei 4647 Kilometern, stieg er bis 2013 auf 4904 Kilometer – ein Anstieg von knapp sechs Prozent.

Diesem Trend folgte auch Deutschland, wenngleich die Veränderung sich eher unbedeutend von 2703 Kilometer auf 2821 Kilometer vergrößerte.

Wissenshochburgen Industrieländer
Wenn es um die Ausbildung geht, sind die Industrieländer nach wie vor stark gefragt. Das hat einen Grund: Nach einer Untersuchung des Academic Ranking of World Universitys stehen 99 der 100 besten Hochschulen in Industrieländern. So gehen mehr als die Hälfte aller Studentenbewegungen von aufstrebenden Ländern in entwickelte Länder. Vor allem Chinesen und Inder drängt es an US-amerikanische Hochschulen.

Generell belegen aber auch die Studentenbewegungen die moderate Internationalisierung: Gerade einmal zwei Prozent aller Studenten sind an einer Hochschule im Ausland eingeschrieben.

Wenngleich die Autoren mit Sorge den geringen Fortschritt der Globalisierung betrachten – im Kern bleiben auch sie optimistisch. ‚Trotz aller Sorgen müssen wir eine Sache bedenken: Die Weltwirtschaft soll zwischen 2014 und 2019 immer noch schneller wachsen als in den letzten 30 Jahren‘, heißt es in der Studie.

Sollten Sie Interesse an der kompletten DHL Studie haben, so nutzen Sie bitte diesen Link.

Ein Beitrag zum Thema „Globalisierung“ von Eckhard Hörner-Marass.