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2H.IM Rück-und Ausblick zum Jahreswechsel

Wie war´s?  Wie läuft´s?  Wie wird´s?  Unser Rück- und Ausblick zum Jahreswechsel…

Manch einer wird mit gemischten Gefühlen auf 2016 zurückschauen. Passend zu aktuellen Debatten wurde „postfaktisch“ zum Wort des Jahres erkoren. Doch lassen Sie uns neben den Stimmungen auch die Fakten ansehen.

Was hat uns 2016 beschäftigt?

Die schlechten Nachrichten zuerst:
In der Politik überwogen die Schockmeldungen: Die Wahl von Donald Trump, der Brexit, nicht endende Diskussionen um die Flüchtlingskrise, Terroranschläge in Brüssel, Nizza und München, der Vormarsch von AfD und anderen europäischen Populisten, Putschversuch in der Türkei und Erdogans Überreaktion und das unendliche Elend in Aleppo. Mit dem Tod von Hans-Dietrich Genscher, Guido Westerwelle und Hildegard Hamm-Brücher trat die liberale Elite von einst ab. In der Musikbranche erschütterten die Tode von David Bowie, Prince und Leonhard Cohen, im Fernsehen Götz George, Roger Willemsen und Manfred Krug. Und dann kam da noch die Trennung von Angelina Jolie und Brad Pitt…

Aber ganz so schlimm war es auch wieder nicht. Nun zu den guten Nachrichten:
Im 4. Anlauf hat in Österreich bei der Bundespräsidentenwahl die Vernunft gesiegt. Angelique Kerber ist die Nummer Eins der Tennis-Weltrangliste. Einsteins Gravitationswellen konnten erstmals nachgewiesen werden. Der Pokémon Go-Wahn kam und ging gleich wieder. Der neue Weltklimavertrag ist in Kraft getreten. Nico Rosberg wird Formel 1-Weltmeister. Und Facebook will gegen Fake News vorgehen.

Naja, das wissen Sie ja alles. Viel mehr interessiert uns natürlich, wie sich die Wirtschaft im Allgemeinen und der Maschinen- und Anlagenbau im Speziellen geschlagen haben.

Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) kam die Weltwirtschaft wieder etwas mehr in Schwung. Nachdem die Expansion in der ersten Jahreshälfte äußerst verhalten war, gab es zuletzt eine leichte Beschleunigung. Diese Entwicklung dürfte sich fortsetzen, wovon zunehmend die entwickelten Volkswirtschaften profitieren. Dort hellt sich die Lage am Arbeitsmarkt auf, was eine hohe Konsumnachfrage nach sich zieht. Aufgrund besserer Absatzmöglichkeiten wird sich die bisher schwache Investitionstätigkeit der Unternehmen wohl etwas beleben. Der Anstieg der weltweiten Wirtschaftsleistung dürfte 2016 bei 3,3 Prozent liegen und in den kommenden beiden Jahren noch etwas höher ausfallen.

Das Konjunkturbarometer des DIW für Deutschland signalisiert ebenfalls eine leichte Beschleunigung des Wirtschaftswachstums: Das Bruttoinlandsprodukt dürfte im Schlussquartal mit 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal schneller steigen als im dritten Quartal (0,2 Prozent).

Der deutsche Maschinen- und Anlagenbau befindet sich auch 2016 in einer Phase schwachen Wachstums – „Seitwärtsgang“ nennt das der VDMA. In einer Branche mit einem Exportanteil von 75% schlagen sich hier natürlich die außenpolitischen Unsicherheiten massiv nieder. Und es ist ein nach Fachzweigen sehr heterogenes Bild, die Wachstumsraten reichen hier von plus 10% bis minus 20%. Mit voraussichtlich 0,7% Wachstum kommt die Produktion kaum vom Fleck.

Eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums hat untersucht, wie es um die Innovationstätigkeit von kleinen und mittelständischen Unternehmen bestellt ist. Und sie kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: Es lasse sich ein Nachlassen des Innovationsbeitrags des Mittelstandes an der gesamtwirtschaftlichen Innovationsleistung beobachten. Es mehrten sich die Anzeichen, dass das Erfolgsmodell des deutschen Mittelstands in eine Krise gerät, sofern nicht gegengesteuert werde. Andererseits gehen die Befragten der Studie davon aus, dass die mittelständischen Unternehmen die Trends teilweise positiv für die Verstetigung ihres Erfolgs zu nutzen wissen.

Industrie 4.0

Das meist diskutierte Thema im Jahr 2016 heißt Industrie 4.0 – und dabei stellen sich große Fragen: Haben wir die Digitalisierung im Griff? Sind wir gewappnet für eine Ära, in der die IT zum dominanten Produktionsfaktor aufsteigt? Was wird aus stolzen Industriebetrieben, wenn smarte Start-ups ganze Branchen auf den Kopf stellen? Und was wird aus Mitarbeitern, deren Berufsbilder vom technischen Fortschritt zerlegt werden?

Ein prominentes Beispiel kommt aus der Automobilindustrie. Audi plant in Ingolstadt die Abschaffung des Fließbandes, da es der massiven Individualisierung der Automobile nicht mehr gerecht wird. Stattdessen sollen künftig 200 Montageinseln für die nötige Flexibilität sorgen. Die Karosserie wird von Robotern auf einen Transportwagen gepackt, der sich selbst seinen Weg zu den verschiedenen Inseln sucht und voll vernetzt das individuell bestellte Fahrzeug zusammenbauen lässt. Die Auswirkungen auf die Mitarbeiter seien rundweg positiv, da es keinen starren Takt mehr gebe. Sogar Drohnen testet Audi schon in Ingolstadt – im Notfall könnten sie kleinere Bauteile rasch zu den Montageinseln bringen.

Die Digitalisierung wird auch mit dem Stichwort Disruption in Verbindung gebracht, bekannte Beispiele sind Uber oder AirBnb. Davon abgesehen, dass der Begriff Disruption oft falsch verwendet wird, (dazu gibt es ein sehr lesenswertes Interview mit Clayton Christensen, Harvard-Professor und Erfinder der Theorie der disruptiven Innovation) sind Gegenstrategien sehr anspruchsvoll. Hierzu hat man sich bei dem Stahlhändler Klöckner intensiv Gedanken gemacht. Der Vorstandsvorsitzende Gisbert Rühl nennt es Selbst-Kannibalisierung. Mit Hilfe eines hauseigenen Start-ups werden neue Ansätze entwickelt und umgesetzt. So gibt es seit März einen Webshop, in dem Kunden direkt Preise und Verfügbarkeiten von Stahlprodukten angezeigt bekommen und der sogar für Wettbewerber geöffnet werden soll. Ziel des Ganzen ist eine massive Effizienzsteigerung, u.a. durch ein Zurückfahren der immensen Lagerbestände auf allen Stufen der Wertschöpfungskette.

Arbeitswelt 4.0

Wie wollen wir in Zukunft arbeiten?, fragt sich das Bundesarbeitsministerium. Und Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) versucht, in ihrem Weißbuch die drängendsten Fragen zu beantworten. Was passiert, wenn künftig nur noch Roboter für uns arbeiten? Wie flexibel müssen Angestellte und Unternehmen sein?

Studien ergeben ein gemischtes Bild, wie weit die deutsche Wirtschaft und ihre Führungskräfte damit bereits sind, sich auf die Digitalisierung einzustellen. Kurz gefasst: Kleine Unternehmen sind weiter als große Konzerne; weibliche Führungskräfte und flache Hierarchien erhalten gute Noten – aber die Ausstattung der Mitarbeiter mit adäquater IT-Ausstattung hinkt hinterher und behindert die notwendige Flexibilität.

Zu dem ganzen Themenkomplex Industrie 4.0 können Sie unseren September-Newsletter nachlesen. Auch in unserem derzeitigen Mandat bei der Manz AG spielt dieses Thema eine große Rolle. Wir werden Sie auf dem Laufenden halten.

Der nächste Hype: Start-ups

Um Start-ups wird nicht erst seit diesem Jahr ein regelrechter Hype erzeugt. Sich „Gründer“ zu nennen, ist heute so schick wie der Sozialpädagoge in den 1970ern oder der BWLer in den 80ern. Das beste Beispiel dafür ist die VOX-Sendung „Die Höhle der Löwen“. Interessant dabei ist, dass es sich bei den zustande gekommenen „Deals“ fast ausschließlich um leicht erklärbare Konsumgüter mit minimalen Produktverbesserungen handelt (Beispiele: Gemüse-Chips, Strumpfhosen, Horror-Masken, Kochutensilien oder Hundefutter) – komplexere Gründer-Ideen kommen nicht vor. Und dass 70% der Deals nach der Sendung gar nicht zustande kommen, tut der Popularität der Sendung keinen Abbruch. Wenigstens ist es ein Anfang, dem breiten Publikum grob nahezubringen, wie die Startup-Ökonomie funktioniert.

Davon abgesehen, gibt es auch sinnvolle Ansätze in Sachen Start-ups. Große deutsche Unternehmen, von Axel Springer bis Siemens, leisten sich Inkubatoren-Teams, um neue Geschäftsideen zu generieren und Talente an sich zu binden. Wie dringend notwendig das ist, beschreibt der Axel Springer-Manager Christoph Keese in seinem neuen Buch „Silicon Germany – wie wir die digitale Transformation schaffen“. Empfehlenswerte Lektüre, da Keese Zusammenhänge erklärt, mit Irrtümern aufräumt und grundsätzliche Empfehlungen für Unternehmen, Politik und Gesellschaft darstellt.

Auch der BDI warnt davor, dass es beim Nachwuchs hapert, es gebe vor allem im verarbeitenden Gewerbe zu wenige Industrie-Start-ups in Deutschland. Dabei seien solche Start-ups wichtig für die Innovationsfähigkeit der gesamten Industrie, so BDI-Präsident Ulrich Grillo. ‚Sonst drohen gerade die kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland im internationalen Innovationswettbewerb abgehängt zu werden.‘

Und wie geht´s 2H.IM?

Wir bei 2H.IM haben uns auch in 2016 als Tandem Team bewährt (falls Sie dieses Konzept noch nicht kennen: hier können Sie es nachlesen. Besonders unser Einsatz bei den zwei Tochterunternehmen der Wolf-Unternehmensgruppe ist von nachhaltigem Erfolg gekrönt. Sollten Sie unseren letzten Newsletter übersehen haben, können Sie hier mehr darüber erfahren. Auch unser neues Mandat bei der Manz AG lässt sich bereits sehr gut an! Mehr darüber in unseren Newslettern im neuen Jahr. Wir sind also mit dem zu Ende gehenden Jahr sehr zufrieden, und auch unsere Auslastungssituation für 2017 sieht erfreulich aus.

Was erwarten wir für 2017?
  • Prognosen für 2017 sagen ein weltweites Wirtschaftswachstum von 3,6 Prozent voraus, was gegenüber 2016 eine leichte Steigerung bedeutet. Auch in Deutschland läuft der Wirtschaftsmotor rund. Die Experten rechnen damit, dass sich hierzulande bald 44 Millionen Menschen in Erwerbsarbeit befinden.
  • Die Stimmung ist oft in Wahljahren eher aufgeregt-optimistisch: Werbeausgaben und damit auch die Medienproduktion steigen, Steuergeschenke werden angekündigt. Darüber hinaus ist zu erwarten, dass wegen des steigenden Erwartungsdrucks aus der Bevölkerung damit begonnen wird, den Investitionsstau der öffentlichen Haushalte aufzulösen.
  • Die Spannung steigt, ob Unkenrufe aus der Bevölkerung und einseitige Vorstellungen von Donald Trump und europäischen Nationalisten den laufenden Verhandlungen um Freihandelsabkommen weiter schaden werden. Bei einer Exportquote von 75% ist dies die wohl entscheidende Frage für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau. In diesem Sinne fordert auch der VDMA, dass sich die Politik stärker für den Erhalt des Freihandels und die Belange der mittelständischen Industrie einsetzt.
  • Für das kommende Jahr rechnet der VDMA unverändert mit einem leichten Produktionszuwachs von real 1 Prozent. Die jüngste VDMA-Geschäftsklimaumfrage zeigt einen vorsichtigen Optimismus der Mitgliedsfirmen. Allerdings: „Ein breit angelegter konjunktureller Aufschwung sieht anders aus – und echte Wachstumsimpulse sind nicht in Sicht“, so der VDMA-Präsident Welcker.
  • Die öffentliche Diskussion um Industrie 4.0 wird weitergehen. Hoffentlich nächstes Jahr ohne den Tonfall der Panik, der teilweise in 2016 herrschte (z.B. um die Übernahme von Kuka durch „die Chinesen“). Viele Unternehmen, auch und gerade im industriellen Mittelstand, befinden sich hier auf dem richtigen Weg.

In diesem Sinne möchten wir Ihnen frohe Feiertage und ein glückliches, erfolgreiches Neues Jahr wünschen. Feiern Sie schön! *)

Ihr 2H.IM-Team Karin Sieber-Huber & Eckhard Hörner-Marass
neujahrswuensche-2him-2017

 

*) Auch hierzu noch ein kleiner Buchtipp passend zur Saison: „Cheers“ von Martin Suter (eine Sammlung kleiner Anekdoten rund ums „Feiern mit der Business Class“, beim Business Lunch, in Hotelbars, Firmenfeierlichkeiten, Events und natürlich Weihnachtsfeiern.) Kurzum eine amüsante Satire, erschienen im Diogenes Verlag.

Industrie 4.0 – Hype oder reale Zukunftschance?

Industrie 4.0 – das Thema ist derzeit in aller Munde, bis zum sinnentleerten Hype.

Welche Bedeutung dem Themenkomplex in der Öffentlichkeit zugemessen wird, sieht man an dem Aufschrei, der den Verkauf des Augsburger Roboterherstellers Kuka an eine chinesische Firmengruppe begleitete. Politik und Wirtschaftsverbände befürchteten den Abfluss des für 4.0 wichtigen Automatisierungs-Knowhows der Firma. Technisches Know-how und sensible Daten könnten nach China abfließen, so die Befürchtung.

Fakt ist, dass Industrie 4.0 oft aus Unwissenheit mehr zur Verwirrung beiträgt. Es ist immer noch ein Begriff, der bei 100 Befragten 100 unterschiedliche Wahrnehmungen erzeugt und gleichzeitig viele hilflos zurücklässt. Sogar der SPIEGEL ging vor kurzem in einer Titelstory darauf ein, konzentrierte sich aber wesentlich auf das Verhältnis Mensch-Maschine und die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt.

Dabei wird das Schlagwort gerne verwechselt mit Begriffen wie Internet der Dinge, Automatisierung, Roboterisierung, Digitalisierung. Industrie 4.0 geht aber einen wesentlichen Schritt weiter: hin zur Vernetzung und Systemintegration.

Industrie 4.0 ist ein Sammelbegriff, der, einmal schmäler, einmal breiter, die Digitalisierung von Wertschöpfungsketten umfasst. Schon jetzt erleben wir fundamentale Änderungen in der Art wie wir arbeiten, leben und konsumieren. Industrie 4.0 ist eine neue Ära, die einen Transfer der Wertschöpfung von der Hardware zur Software, vom Produkt zur Dienstleistung und vom Einzelprodukt zu Netzwerken bis hin zum Verbraucher einläutet.

Sie kann auf zwei möglichen Wegen erreicht werden, die auch unabdingbar zusammengehören:

1) als Evolution – Stichwort „Smart Factory“, die es erlaubt, bestehende Geschäftsmodelle und -prozesse signifikant zu verbessern,

2) als Revolution, die eine Entwicklung neuer Geschäftsmodelle ermöglicht.

Industrie 4.0 bringt enorme Potenziale für die (produzierende) Industrie mit sich. Seit 2011 investiert die deutsche Regierung intensiv in die Digitalisierung, ein herausragendes Beispiel dafür sind die elf Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren und die neu ins Leben gerufene Plattform Industrie 4.0. Hier ist der offizielle Standpunkt des BMWi zu finden: http://www.bmwi.de/DE/Themen/Industrie/industrie-4-0.html

Das Ergebnis: In Deutschland erlebt die Industrie eine Renaissance. Sie wird wieder als ein zentraler Akteur für hochqualitative Jobs und Wertschöpfung wahrgenommen. Der Nutzen, den man sich von Industrie 4.0 erwartet, ist ein dreifacher:

1) Effizienzgewinn
2) Produktindividualisierung
3) Entstehung neuer Geschäftsmodelle.

Dafür ist die intelligente Echzeit-Vernetzung von Menschen (Kunden, Mitarbeitern), Anlagen (Maschinen, Produkten) und Werkzeugen (Netzwerken, Algorithmen) notwendig. Das Resultat sind gravierende Veränderungen für alle Unternehmensbereiche.

Neue Geschäftsmodelle: Denken 4.0

Der Kunde – ob im Business-to-Business- oder Business-to-Consumer-Bereich – ist oft gar nicht am eigentlichen Produkt interessiert. So steht am Anfang der Geschäftsmodellierung der Gedanke daran, was der Hersteller denn dem Kunden eigentlich anbietet. Ist der wirklich interessiert an der Anlage, in die er investieren und die er dann langfristig betreiben muss? Oder benötigt er eigentlich nur das Ergebnis?

Beispiele:
Der Maschinenbauer Kaeser baut und vertreibt seit fast 100 Jahren Kompressoren. Jetzt verkauft er seinen Kunden Druckluft! Er rechnet den Kunden den von Sensoren gemessenen Verbrauch direkt ab. Rolls-Royce hat mit „Power by the hour“ ein ähnliches Konzept und verkauft Schubkraft statt Turbinen. In beiden Fällen verbleiben die Anlagen im Eigentum des Anbieters; der Nutzer zahlt nur für deren Einsatz.

Ein führender Pumpenhersteller aus NRW hat festgestellt, dass es seinen Endkunden egal ist, welche Thermostate, Boiler oder Pumpen dafür notwendig sind, dass in ihrem Badezimmer kuschelige 21 Graf herrschen, wenn sie von der Arbeit kommen. Sie wollen das Gesamtsystem einfach mit einer App steuern.

Marketing 4.0: Die Vernetzung mit dem Kunden

Individualisierte Produkte und Leistungen bis hin zur Losgröße Eins entstehen durch Einbindung des Konsumenten in die Wertschöpfungskette. Hersteller stellen ihm Apps zur Verfügung, die Personalisierung übernimmt der Nutzer selbst. Damit wird endlich der Traum wahr, die Bedürfnisse des Kunden 1:1 zu berücksichtigen. Das Interessante dabei ist, dass die zugrundeliegenden Systeme helfen, diese Bedürfnisse in die Sprache der Produzenten zu übersetzen. Wer diese Zusammenhänge und Möglichkeiten am schnellsten erkennt, mit intelligenten Geschäftsmodellen und unter Einsatz der richtigen Werkzeuge am Kundenbedarf orientiert erfüllt, wird mit Industrie 4.0 international erfolgreich sein.

Beispiel Adidas: „Speed Factory“
ADIDAS holt seine (Massen-) Fertigung aus Asien wieder sukzessive zurück, direkt dorthin wo seine Kunden sitzen (laufen). In Ansbach steht bereits eine Pilotfabrik, auf der seit einiger Zeit (momentan nur) ca. 500 Paar Laufschuhe 100% nach Kundenwunsch gefertigt werden. Der Kunde spezifiziert über ein Portal online seine ganz persönlichen Laufschuhe, und zwei Tage später werden diese von einem Paketversand frei Haus geliefert. Die Herstellung erfolgt nahezu voll automatisiert und komplett vernetzt nach neuesten Fertigungsmethoden, Materialfluß-, Qualitätssicherungs- und Handhabungsmethoden. Additive Fertigungsprozesse spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Technik 4.0: Standards sind der Schlüssel!

Industrie 4.0 – also die Vernetzung von Produkten, Fabriken und Lagerhallen, Herstellern, Lieferanten und Kunden – verheißt mehr Produktivität und neue Geschäftsmodelle. Um die Wertschöpfungskette einer Branche aber wirkungsvoll vernetzen und integrieren zu können, ist eine gemeinsame Sprache über die Prozesschritte hinweg nötig. Hier kommt die Vereinbarung von Standards ins Spiel, bei der sich Partner und auch Wettbewerber an einen Tisch setzen müssen.

Seit zwei Jahren schon diskutieren Unternehmen wie Siemens, Bosch, Infineon und SAP gemeinsam mit den drei Verbänden Bitkom, ZVEI und VMDA darüber, wie sich die Industrie 4.0 verwirklichen lassen könnte. Es geht vor allem darum, gemeinsame Standards zu finden, die garantieren, dass Maschinen künftig über die Einzelschritte der Wertschöpfungsketten hinweg miteinander kommunizieren können. Das ist eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen der vierten industriellen Revolution.

Die Hoffnung ist groß, dass die Politik vor allem die Suche nach Industrie-4.0-Standards vorantreibt. „Die Industrie-Plattform hatte einen Geburtsfehler“, heißt es aus der Wirtschaft. „Der war, dass die Teilnehmer immer unter kartellrechtlichem Risiko standen.“ Aus Furcht vor den Wettbewerbshütern habe man keine Absprachen getroffen. In einem staatlich organisierten Prozess minimiere sich diese Gefahr nunmehr. Dennoch haben einzelne Branchen für sich bereits Fortschritte gemacht, um die Standardisierung selbst voranzutreiben.

Beispiel Druckbranche:
In der Druckindustrie wurden in den letzten Jahrzehnten Einzeloptimierungen der aufeinander folgenden Schritte in der Wertschöpfungskette erreicht: in der Vorstufe (wo die gestalterischen Daten in Druckdaten umgewandelt werden), in der Druckmaschine (mit wesentlichen Automatisierungen für problemlose und qualitativ stabile Prozesse) und in der Weiterverarbeitung, wo aus Gedrucktem ein fertiges Produkt wird (durch Falzen, Stanzen und zahlreiche weitere Verarbeitungs-schritte). Allein was fehlte, war die Integration dieser Prozessschritte und die Vereinbarung von Standards (für Fachleute: JDF/JMF etc.) zwischen den Herstellern. Die Individualisierung war durch Vorstufe und Digitaldruckmaschinen schon möglich, aber die Weiterverarbeitungsgeräte konnten mit kleinsten Auflagen bis zur Losgröße Eins nicht mithalten. Wie man auf der drupa 2016 in Düsseldorf sehen konnte, gibt es jetzt Systeme, die – mit den Schlagworten Print 4.0 und Finishing 4.0 versehen –  dies leisten können, indem sie sich selber einstellen und durch Rückmeldung von Produktionsdaten auch Auftragsabrechnungen übernehmen – Fehler durch manuelle Auftragserfassung werden gleich mit eliminiert. Marktführer Heidelberger Druck redet gar von „autonomem Drucken“ und will den Startknopf („Push to Start“) gleich komplett durch den Stop-Knopf („Push to Stop“) nur für den Notfall ersetzen.

Beispiel Lagerhaltung:
Bosch und SAP haben in einer Kooperation eine Technologie und ein Referenzmodell für den Datenaustausch entwickelt, um das vernetzte Lager mit vernetzten Gabelstaplern zu realisieren. Ziele dabei: Weniger Unfälle, mehr Effizienz. In einem eigenen Werk hat Bosch damit eine Produktivitätssteigerung von 25% erreicht. Auch hierbei spielt die Entwicklung gemeinsamer Standards eine zentrale Rolle.

IT 4.0: Big Data wird zu Smart Data

Die Möglichkeiten, durch Sensoren und Netzwerke riesige Datenmengen zu erheben, führen zu völlig neuen Nutzungsmöglichkeiten und Geschäftsmodellen.

Beispiel Landwirtschaft:
Der Landwirt (Kunde) möchte den Ertrag auf seinen Feldern maximieren, bei gleichzeitiger Minimierung von eingesetzten Ressourcen (Material, Personal und Zeit). Daher genügt es nicht, wenn die Hersteller (John Deere, Claas, Fendt, etc) nur Landmaschinen verkaufen. Vielmehr müssen sie mit intelligenten Algorithmen aus „Big Data“ (Wetter, Bodenbeschaffenheit, Umweltbedingungen, etc.) durch Vernetzung von unterschiedlichen Bezugsquellen die relevanten Daten/Informationen zusammentragen, und diese als „Smart Data“ dem Landwirt direkt auf seinem Schlepper auf dem Feld online zur Verfügung stellen. Im Idealfall den Schlepper sogar noch über GPS automatisch fahren und die Sämaschinen automatisch steuern und regeln.

Beispiel Medienindustrie:
Sattsam bekannt ist, wie Facebook und andere soziale Medien die Werbung an das bisherige Verhalten der Nutzer anpasst. Klassische Nachrichtenverlage übernehmen diese Prinzipien nicht nur, um dem Leser jeweils aktuell die ihn am stärksten interessierenden Nachrichten zu liefern, sondern passen ihre redaktionelle Arbeit immer mehr dem Publikumsgeschmack ihrer jeweiligen Zielgruppen an – erhoben aus den am häufigsten angeklickten Nachrichten.

Controlling 4.0: Echtzeit-Transparenz

Die Daten lassen sich im Unternehmen noch viel weiter nutzen. Sie müssen künftig echtzeitbasiert ausgewertet werden, um dem Management ein umfassendes Bild über die Lage des Unternehmens zu vermitteln: kontinuierlich aktuelle Prognosen, Entwicklung intelligenter Algorithmen, unternehmensübergreifende Vernetzung und Koordination. Sie ermöglichen eine ständige Überwachung der Sinnhaftigkeit neu implementierter Technologien und eine wesentlich verbesserte Transparenz über die Unternehmensprozesse.

Der Controller wird zum Data Scientist; aus „Big Data“ werden „Smart Data“ gemacht. Der Blickwinkel des Controllers muss erweitert werden auf Sachverhalte entlang der gesamten Wertschöpfungskette, daher werden künftig noch mehr ingenieurwissenschaftliche und informationstechnische Kompetenzen unabdingbar. Der Controller wird zum zentralen Sparringspartner des Managements.

Service 4.0: Der Service wird wichtiger als das Produkt

Im Maschinen- und Anlagenbau stand bisher die Hardware im Vordergrund. Die Anlage wurde geliefert, und damit war die Sache für den Hersteller meist erledigt. Jetzt beginnt hier überhaupt das Geschäft erst interessant zu werden: Die Anlagen werden mit Sensoren ausgestattet, die alle Prozesse kontinuierlich überwachen und auswerten. Auf der Basis dieser Daten können ganz neue Dienstleistungen und Geschäftsmodelle entwickelt werden; der Service wird wichtiger als das Produkt.

Summary:

Die Industrie 4.0 bietet ein großes Potenzial, wir stehen aber gerade noch am Anfang der Entwicklung.

Eine große Anzahl technischer Lösungen stehen zur Verfügung….zur eigentlichen Revolution wird Industrie 4.0 aber erst dann, wenn neben verbesserten Produkten und Services, sowie effizienten und flexiblen Produktionstechniken auch neue Geschäftsmodelle entstehen. Diese Entwicklung darf vom Mittelstand, insbesondere im deutschen Maschinen- und Anlagenbau, nicht verschlafen werden.

Industrie 4.0 ist Chefsache! Leider weisen aktuelle Studien darauf hin, dass das noch nicht überall der Fall ist. KPMG kommt zu dem Schluss: „Es braucht einen CEO mit strategischem Weitblick und Mut, neue Wege im Geschäfts- und Operating Modell zu gehen.“ Man müsse sich ständig fragen, welche Auswirkungen, welche Relevanz und welcher Nutzen sich für das eigene Unternehmen ergeben.

Führungskräfte sollen ihre Beschäftigten durch den digitalen Wandel in die „Arbeitswelt 4.0“ bringen. Theoretisch. Doch die Praxis sieht anders aus: Nur jeder zweite Arbeitnehmer in den D-A-CH-Ländern traut seinen Managern zu, Firma und Mitarbeiter erfolgreich in die Arbeitswelt der Zukunft zu leiten. Dies ergab eine internationale Studie der Unternehmensberatung ROC. Auch beim Thema Industrie 4.0 hakt es in den Chefetagen: 46 Prozent der Mitarbeiter halten ihre Vorgesetzten nicht für absolut kompetent in diesem Bereich.

Liebe Leser, wir werden Sie natürlich in den nächsten Monaten mit unserem Newsletter auf dem Laufenden halten, was sich in Sachen Industrie 4.0 vor allem für den mittelständischen Maschinen- und Anlagenbau Neues tut.

Wir freuen uns außerdem auf Ihre Kontaktaufnahme per Email oder Kontaktformular.

Karin Sieber-Huber & Eckhard Hörner-Marass
KSH und EHM 2HIM GmbH